Aufschwung nicht für alle – Teilzeitbeschäftigung ufert aus

Kaum Arbeitslosigkeit? Soviel Beschäftigung wie noch nie? Die Unionsparteien lobpreisen den Arbeitsmarkt in diesen Tagen des Wahlkampfs besonders gern. Doch ganz so schön sei es nicht, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) betont. Es vollziehe sich derzeit eine trügerische Entwicklung. Auch wenn die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gestiegen ist, so sei der Anteil der Teilzeitbeschäftigung daran unverhältnismäßig hoch. Viele Menschen finden häufig nur Teilzeitstellen. In diesen werden jedoch deutlich niedrigere Beiträge in die Sozialversicherungen eingezahlt. Das birgt Risiken, wie der Vorsitzende des DGB Kreisverbandes Bad Kissingen, Gerhard Klamet, erklärt: „So werden beispielsweise deutlich niedrigere Rentenansprüche gebildet, welche zu Altersarmut führen können. Auch kann mit den niedrigeren Einkommen weniger privat vorgesorgt werden.“ Klamet fordert als Gegenmaßnahme ein gesetzliches Rückkehrrecht in Vollzeit. „Zusätzlich braucht es mehr Tarifverträge und Allgemeinverbindlichkeitserklärungen dieser. Auch die Abschaffung sachgrundloser Befristungen muss in der nächsten Legislaturperiode kommen“, führt er weiter aus. 

 

Im Landkreis Bad Kissingen hat die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung seit 2003 zwar um 8,0 % zugenommen – was nur etwas mehr als ein Drittel des bayerischen Durchschnitts ist – die Wachstumsrate bei der Teilzeitbeschäftigung fiel im selben Zeitraum mit 71,6 % jedoch rund 9-mal höher aus. Mittlerweile zählt der Landkreis 10.368 Teilzeitbeschäftigte. „Auch in den vergangenen beiden Jahren wuchs die Teilzeit mit 11,6 % deutlich schneller als die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Allgemeinen“, erläutert der zuständige DGB Regionsgeschäftsführer Frank Firsching. Besonders häufig seien Frauen teilzeitbeschäftigt. „Über 42 % aller weiblichen Beschäftigten sind betroffen, 2003 waren es noch rund 27 %“, führt er weiter aus. „Diesem Trend muss Einhalt geboten werden, da viele Frauen mehr arbeiten wollen. Wir fordern deshalb das bereits von der jetzigen Bundesregierung versprochene Rückkehrrecht in Vollzeit.“ 

 

Auch der hohe Anteil der geringfügigen Beschäftigung macht Firsching Sorgen. „Auf die etwa 40.500 abhängig Beschäftigten kommen mehr als 10.700 geringfügige Beschäftigungen“, erläutert er und fügt an: „Da in geringfügigen Beschäftigungen in aller Regel keinerlei Sozialabgaben fließen, bekommt man spätestens mit dem Eintritt von Arbeitslosigkeit oder der Rente die Rechnung.“ Der DGB fordert deshalb die Umwandlung aller Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Über 44 % der Beschäftigten im Landkreis Bad Kissingen arbeiten inzwischen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen wie der Leiharbeit, in Teilzeit, 

haben befristete Verträge oder als Mini-Jobber. Unter den weiblichen Beschäftigten liegt der Anteil sogar bei über 64 %, beide Werte sind seit 2003 deutlich gestiegen. „Von Geschlechtergleichheit sind wir hier noch meilenweit entfernt, fast 80 % der atypisch Beschäftigten im Landkreis sind Frauen. Zu Jubelarien aufgrund des Wahlkampfs besteht also noch kein Grund. Der Arbeitsmarkt muss wieder vom Kopf auf die Füße gestellt werden“ fordert Gewerkschafter Firsching. 

 

 

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