Gestern Abtswind – morgen Profi?

Die außergewöhnliche Geschichte des Thilo Wilke

 

Im Januar 2017 packte Thilo Wilke seine Sachen und brach in die Vereinigten Staaten auf – mit dem Ziel, ein Jahr im Ausland Wirtschaftswissenschaften zu studieren, sein Englisch aufzupolieren und am College Fußball zu spielen. Doch es kam viel besser. Der Offensivmann des TSV Abtswind verzückte die Amerikaner mit seiner Spielweise und seinen Toren – so sehr, dass für Wilke selbst im Alter von 26 Jahren der Beginn einer Profikarriere nicht unmöglich erscheint. Wie er sich seinen rasanten Aufstieg in den USA erklärt, wie es ist, auf der Straße erkannt zu werden, und ob er sich vorstellen kann, zum TSV Abtswind zurückzukehren, erzählt Thilo Wilke im Interview.

 

Frage: Welche Erlebnisse und Erfahrungen liegen nach einem Jahr in den USA hinter dir?

Thilo Wilke: Ich habe zwei Semester mit der Shaw University von Raleigh, North Carolina, in der College-Liga gespielt. In der Zwischenzeit hatte ich das Glück, einen Vertrag beim neugegründeten Klub Rochester Med City FC in Minnesota in der vierten Liga, einer Halbprofi-Liga, zu bekommen. Das war eine sehr prägende Erfahrung. Der Höhepunkt war ein Spiel vor 1600 Zuschauern, in dem ich das erste Tor der Vereinsgeschichte geschossen habe. Ich habe nach jedem Heimspiel Autogramme gegeben und bin im Fitnessstudio angesprochen worden. Das war schon außergewöhnlich und hat riesigen Spaß gemacht.

 

Frage: Das klingt nach einer unvergleichlichen und zugleich intensiven Zeit.

Thilo Wilke: Der Fußball in den USA ist sehr professionell organisiert, es gibt keine Amateurligen wie in Deutschland. Am College habe ich jeden Tag mindestens einmal Training, dazu noch eine Fitness-Einheit. Und das alles zusätzlich zum Studium. In Minnesota konnte ich mich in den Semesterferien ausschließlich auf den Sport konzentrieren. Das hat es einfacher gemacht. In Amerika hast du in zwei Monaten vierzehn Spiele. Dann gibt es Phasen, in denen du drei Monate nur trainierst. Ich war mit meinem College-Team mal acht Tage im Hotel, weil wir eine Fünftagestour nach Cincinnati hatten.

 

Frage: War 2017 bis jetzt das Jahr deines Lebens?

Thilo Wilke: Es hätte nicht besser laufen können. Ich habe es dorthin geschafft, wo ich hinwollte. Ich habe in der Halbprofi-Liga von vierzehn Spielen elf von Beginn an gespielt und drei Tore erzielt, darunter das erste Tor der Vereinsgeschichte. Wir hatten im Schnitt 2000 Zuschauer. Am College, wo es auch zum ersten Mal Fußball gab, habe ich ebenfalls das allererste Tor geschossen. In vierzehn College-Spielen sind mir vierzehn Tore gelungen. Ich habe mich fußballerisch und menschlich weiterentwickelt. Das einzige Ärgerliche war, dass ich mit beiden Mannschaften die Play-Offs verpasst habe. Das will ich dieses Jahr schaffen.

 

Frage: Was sind abgesehen davon deine Erwartungen und Träume für 2018?

Thilo Wilke: Ich werde alles in die Waagschale werfen, um Fußballprofi zu werden, um in den USA in die erste oder zweite Liga zu wechseln. Das Kapitel war in meinem Alter eigentlich schon längst weggeschoben. Mein College-Trainer hat den Traum wieder aufleben lassen, indem er mich ermutigt hat, in die Halbprofi-Liga zu gehen, um vielleicht den Sprung zu den Profis zu schaffen. Ich will natürlich mein Studium nicht vernachlässigen, aber ich will alles für den Fußball geben und schauen, was möglich ist, um in einem Jahr sagen zu können: Ich habe alles versucht, egal ob es klappt oder nicht.

 

Frage: Ist damit die Rückkehr nach Abtswind in weite Ferne gerückt?

Thilo Wilke: Das will ich nicht behaupten. Ich bin ein sehr heimatverbundener Mensch. Anfangs hatte ich nur ein Jahr in den USA geplant. Aber es sind hier so viele tolle Sachen passiert, dass ich mindestens ein weiteres Jahr dranhänge. Wann ich nach Deutschland zurückkomme, kann ich heute noch nicht sagen. Wenn ich es in den USA nicht zu den Profis schaffe, kann ich mir auch vorstellen, in anderen Ländern mein Geld nur mit Fußball zu verdienen und so auch noch ein anderes Stück von der Welt zu sehen. Wenn es um höherklassigen Amateurfußball geht, ist Abtswind natürlich mein erster Ansprechpartner. Ich würde mich freuen, wenn ich irgendwann zurückkomme und der TSV in der Bayernliga spielt und es vielleicht noch eine Liga weiter nach oben schaffen kann. Der Verein ist für mich eine Herzensangelegenheit. Die Zuschauer, die Auswärtsspiele mit vollem Fanbus – das habe ich nicht vergessen.

 

Frage: Wie lässt sich dein Studium mit dem Traum vom Profifußball vereinbaren?

Thilo Wilke: Ich muss aufpassen, dass ich das Studium nicht vernachlässige. Mein Abschluss ist mir auch sehr wichtig, falls es mit dem Fußball nicht klappt. Ich habe vergangenes Jahr sehr viele Reisen gemacht und nahezu alle großen Städte gesehen. Ich war in Florida, New York, Washington, an der kompletten Westküste und an der Ostküste. Künftig will ich auf Freizeit verzichten, um mich ganz Fußball und Studium zu konzentrieren.

 

Frage: Fühlt du dich als Star, nachdem du in den USA vor einigen tausend Leuten spielst, auf der Straße erkannt wirst und Autogramme gibst und die Spiele live im Fernsehen gezeigt werden?

Thilo Wilke: Natürlich ist es ein schönes Gefühl. Ich würde lügen, wenn es nicht so wäre. Aber ich kann das, glaube ich, schon richtig einschätzen. Ich bin da hoffentlich auf dem Boden geblieben.

 

Frage: Wie erklärst du dir deine Leistungssteigerung von der Landesliga in die vierte US-Liga?

Thilo Wilke: Das professionelle Training, mindestens einmal am Tag, hat mir den schnellen Sprung nach vorne ermöglicht. Ich konnte meinen Fokus ganz auf den Fußball richten und habe dank eines Ernährungsberaters das Richtige gegessen. Außerdem habe ich mit einem Sportpsychologen und guten Fitnesstrainern gearbeitet.

 

Frage: Inwieweit verfolgst du das Geschehen beim TSV Abtswind?

Thilo Wilke: Ich tausche mit einigen Spielern Nachrichten aus und telefoniere gelegentlich mit Trainer Petr Skarabela, mit dem ich mich im Januar während meines Heimaturlaubs in Abtswind getroffen habe. Sonntagmittag werfe ich im Internet meistens einen Blick auf die Ergebnisse. Über Facebook bekomme ich einiges mit und lese auf der Homepage gerne einen Spielbericht. Abtswind bleibt für mich eine Herzensangelegenheit.

 

  Bild von Thilo Wilke und Abtswinds Trainer Petr Skarabela 

(Foto Michael Kämmerer / TSV Abtswind).

 

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