Schweinfurt auf dem Weg zur lebensfeindlichen Stadt.

Mit der zu befürchtenden endgültigen Abschaffung der Baumschutzverordnung würde ein Höhepunkt auf dem Weg zu einer lebensfeindlichen Stadt erreicht werden. Wer mit halbwegs offenen Augen durch die Stadt läuft kann feststellen, daß sowohl im öffentlichen, wie auch im privaten Bereich immer mehr Flächen versiegelt, Bäume gefällt, Hecken gerodet und Vorgärten mit Kies zugeschüttet werden. Mit Abschaffung der Baumschutzverordnung wird auch noch das letzte Mittel aus der Hand gegeben, wenigsten bei der Fällung von Bäumen auf Privatgrundstücken, womit insbesondere auch Bauträger und Wohnungsbaugesellschaften gemeint sind, regulierend eingreifen zu können. Das Problem ist viel tiefgreifender, als es auf den ersten Blick ahnen lässt. Es mangelt vielen am Bewußtsein oder vielleicht besser gesagt am Wissen. Wie sonst sollte man sich erklären, daß Gebäude zwar mit Solaranlagen ausgestattet werden, die dazugehörenden Gärten bestenfalls eine Rasenfläche mit Thuja-Hecke als Randeingrünung aufweisen. Der Vorgarten wird großzügig zum Stellplatz ausgebaut, wobei die Pflasterfläche von der Hauswand bis zur Grundstücksgrenze reicht oder noch schlimmer, die Garage kommt hinter das Haus und die Zufahrt wird mit maximaler Breite „zubetoniertet“. Was dann an Vorgarten noch übrig bleibt wird Kiesfläche und bekommt als Garnierung ein in Form getrimmtes Buchsbäumchen. Hinterhöfe werden komplett versiegelt und zu Parkplätzen umgewandelt, ebenso die Grünflächen zwischen Wohnblocks und Hochhäusern, wie am Beispiel Hermann-Barthel-Str. zu sehen ist. Bäume, die nicht stören werden an und in den Eisenbahner-Blocks gefällt sowie Wäschetrockenplätze befestigt – wohl damit man beim Aufhängen der Wäsche keine schmutzigen Füße bekommt, wenn es regnet. Die Liste ließe sich noch beliebig verlängern und mit Beispielen belegen. Anstatt dem entgegen zu wirken tut die Stadt ihr übriges dazu, wobei vieles davon im Gegensatz zu den Baumfällaktionen in letzter Zeit weitgehend unbeachtet bleibt. Mit der neuen Abwassersatzung z.B. werden versickerungsfähige Flächen mit vollständig versiegelten Flächen gleich gesetzt. Ebenso werden Dachbegrünungen nicht angerechnet, welche nachgewiesenermaßen eine deutliche Rückhaltefunktion beim Regenwasserabfluß erfüllen. Folge von Versiegelung sind neben dem direkten Wegfall von Lebensraum für Pflanzen und Tiere negative Auswirkungen auf das Kleinklima, Abwasserkanäle, die bei Starkregen nicht mehr ausreichen, verschärfte Hochwasserereignisse und weniger Grundwasserneubildung. Dies alles scheint in Vergessenheit geraten zu sein.

Anstatt die Baumschutzverordnung abzuschaffen wäre es angezeigt den Gartenbesitzern ihren Sinn zu erklären, diese auch in anderen Fragen der Gartengestaltung zu beraten und dort zu helfen, wo vielleicht ältere Bewohner nicht mehr alleine zurechtkommen. Interessante Aspekte hierfür liefert der Entwurf der Agenda-Gruppe Baumschutzverordnung. Dieser stellt die Beratung und Hilfen in den Vordergrund. Er berücksichtigt zudem die jeweiligen Erfordernisse unterschiedlicher Stadtgebiete, wie Innenstadt mit dichter Bebauung und starker Versiegelung auf der einen Seite sowie Wohngebiete mit guter Durchgrünung auf der anderen Seite. Weitere Eckpunkte ergaben sich aus Gesprächen mit Kritikern der bestehenden Verordnung, indem z.B. Obstbäume oder Sträucher bei kleinen Gärten als Ersatz für einen zu großen Baum möglich sein sollen. Die Damen und Herren Stadträte täten gut daran sich die Vorschläge genauer anzuschauen und ggf. noch zu diskutieren, anstatt die Lebensqualität in unserer Stadt durch Abschaffung der Baumschutzverordnung weiterhin zu verschlechtern. Die effektivste, schnellste und preisgünstigste Maßnahme für ein positives Stadtklima ist die konsequente Erhaltung des alten Baumbestandes. Der Versuch den Wegfall alter Bäume auf Privatflächen durch Pflanzungen auf öffentlichen Flächen ausgleichen zu wollen ist angesichts fehlender geeigneter Flächen zum Scheitern verurteilt. Jede Neuanpflanzung vermag erst in 20 – 30 Jahren halbwegs ihre Wirkung zu entfalten.

 

 

 

 

 Richard Lindner

Kommentar schreiben

Kommentare: 0